Das große Warten geht wohl weiter

Sand Falls Down Through a Crystal Hour Glass sitting on the Table Top„Back to life, back to reality,“ so heißt es in dem Song von Soul II Soul. In den Lyrics heißt es weiter „However do you want me, however do you need me.“. Das ist die Schlüsselfrage: Nicht wie die Teilnehmer, die Dienstleister oder Agenturen die Live-Formate wollen und brauchen, sondern wie die veranstaltenden Unternehmen das sehen.
Agenturen, Dienstleister, Messen und Verbände versuchen über Kampagnen und Aktionen die veranstaltenden Unternehmen zu inspirieren, wieder mit ihrer Kommunikation live zu gehen. Deshalb habe ich eine Umfrage bei meinen Kundenkontakten gestartet, darunter viele Ex-Kolleginnen und Kollegen, die von Agentur auf Unternehmensseite gewechselt haben. Das Verständnis für die Nöte der Agenturen und Dienstleister ist zwar groß, aber die Vorausschau ist bestenfalls verhalten bis klar pessimistisch. Digital ist ganz klar und überall das Thema.

Meine gewonnenen Erkenntnisse sind natürlich nicht repräsentativ, aber sie zeigen eine eindeutige Tendenz. Zwar startet ein Automobilunternehmen ab September wieder seine klassischen Trainings. Die sind natürlich einfacher umzusetzen, wenn in einem Auto nur noch ein Händler oder Verkäufer sitzt und ansonsten die Distanz eingehalten wird. Aber alles, was das Eventive ausmacht: die Inszenierung, das Erlebnis und die Begegnung, spielen aber keine Rolle.

Ein Direktvertriebler hat für 2020 alle Events und Reisen abgesagt. Der Kontakt zu den Vertriebsmitarbeitern und -mitarbeiterinnen wird über Live Streaming-Events gehalten. Das digitale Format hat sich etabliert. „Aus diesem Grund wird auch an dieser Strategie festgehalten, die Lockerungen hatten bisher kein Umdenken zur Folge.“, sagt mein Kontakt.

Ein großer Retailer hat zu Beginn des Lockdowns alle Budgets eingefroren und alles an Events bis Ende des Jahres abgesagt. Es wurde auf „Sicht“ gefahren. Ohnehin waren mehr digitale Formate geplant, die nun realisiert wurden. Das Fazit meines Kontaktes hinsichtlich der Agenturen ist kritisch, nämlich, dass sie zu spät reagiert hätten und erst mit digitalen Konzepten kamen, als Zoomveranstaltungen auf Kundenseite schon Alltag waren. Und Lösungen wie Gewächshäuser in Messehallen rund um eine Bühne verfingen nicht. Nutzen und Aufwand stehen in keinem Verhältnis.

Im Bereich Messe sieht es nicht viel anders aus. Das Gespräch mit einem Unternehmen aus der Healthcarebranche zeigt, dass erst einmal alles nur noch digital umgesetzt wird. Für den Kunden sind nicht nur die Formate wie eine Medica relevant, sondern gerade auch die großen Fachkongresse der Ärzte. Und hier haben deren Veranstalter bis auf weiteres alles auf Digital umgestellt und bieten schon eigene Plattformen für virtuelle Auftritte an.

Ich habe einige Feedbacks herausgestellt, aber die Lage ist bei allen Ansprechpartnern recht ähnlich. Lediglich eine große Brauerei sucht schon nach echten Live-Formaten wie den Autokino-Events, mit denen sie ihre abgesagten Auftritte bei großen Festivals zumindest teilweise kompensieren können.

Natürlich war und ist es eine extreme Zeit. Inzwischen verändern sich die Bedingungen fast täglich und in jedem Bundesland sind sie wiederum anders - vom Ausland ganz zu schweigen. Angesichts der Überlebenskämpfe zwischen Kurzarbeit und Liquiditätssicherung, blieben strategische Aufgaben auf der Strecke. Es kann hilfreich sein mit Kampagnen und Events zu zeigen, was alles jetzt schon geht. Aber macht es nicht mehr Sinn, mit den Kunden intensiv darüber zu diskutieren, dass die Branche weg von den Businessmodellen der Masse kommt, also der möglichst hohen Pax-Zahlen oder Quadratmetern? Zumindest ist das für Agenturen ein möglicher Weg. Ein erster Schritt wäre, dass Agenturen endlich für ihre Ideen, für Kommunikation, Beratung und für Content klar und kostendeckend bezahlt werden, unabhängig von möglichen Formaten, Personenzahlen und Flächen.

Autor: Stephan Schäfer-Mehdi

Bildquelle: Depositphotos / Autor: cboswell


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