Eine Messe in Transformation

Früher war mehr Lametta, heißt es bei Loriot. Das trifft eindeutig auf die diesjährige IAA zu. Es war früher, auch noch 2017, deutlich mehr Entladungslicht, Materialschlachten, High Heels und Minirock, Ausstellungsfläche und Messebau, Shows und Aussteller.

Das ist seit dem 11.09.2001 die ungewöhnlichste IAA, die ich besucht habe. 110.000 Besucherinnen und Besucher am ersten Wochenende verheißen zwar Normalität und verursachen Aufatmen bei Ausstellern und Veranstaltern. Aber das täuscht. Ich spreche gar nicht von den Blockaden, Aktionen und Demos mit zigtausenden Klimaaktivisten. Ob die Abstimmung mit den Füßen pro Automobil wirklich stattfindet, wie VDA-Präsident Mattes konstatierte, muss sich erweisen. Er selbst hat bereits seinen Rücktritt angekündigt. Das könnte man Disruption nennen.

VW IAA MehdiVolkswagen auf der IAA mit neuem Marken- und Messeauftritt - Foto: Stephan Schäfer-MehdiEin Presse- und ein Publikumstag liegen hinter mir. Halle 3, die Volkswagen AG. Bei VW, Audi und Porsche sieht alles normal aus. Doch dazwischen ist viele Leere, die von der Messe mit welligem Rips kaschiert wurde. Ein Omen? Fürs Normalpublikum liegt dann wenig später doch noch sauber verlegter Boden.

Volkswagen stellte am Pressetag die E-Modelle in den Vordergrund. Doch an den Publikumstagen haben die Verbrenner ihren Platz eingenommen. Das Licht ist überwiegend LED und auch das neue Messe-CI gibt sich deutlich näher an den Menschen mit ihren Emotionen. Bis vor kurzem wurden die noch mit stromfressenden Entladungslampen weggestrahlt. Das neue Konzept hätte auch auf den World Mobile Congress gepasst.

Daimler IAADaimler in der Festhalle - Foto: Stephan Schäfer-MehdiDaimler zelebriert sich wieder in der Festhalle. Diesmal konzentriert sich die klassische Produkt-Messe auf das Forum. Die längere Hälfte der Festhalle ist mehrgeschossig als Experience inszeniert. Der Kaiser ist sozusagen halbnackt, denn die Festhalle wird plötzlich nicht mehr mit Stahl- und Messebau versteckt. Am Pressetag wirkte das noch so, als hätte Olaf Scholz die kreative Verantwortung gehabt, doch an den Publikumstagen, mit Besuchern, die sich Zeit lassen, funktioniert das neue Ausstellungskonzept. Die 100 Meter breite Bühne mit einem Bühnenbild von 30 Metern Höhe und vielen 12K-LEDs wirkt, als hätte es Abgasskandale und Fridays for Future nie gegeben. Natürlich kommen auch E-Autos auf die lange Bühne gefahren und im Content gibt man sich nachhaltig. Allerdings auch bei einigen Bauteilen und Exponaten, die nicht mehr ex- und hopp produziert werden, sondern vielfach schon zum Einsatz kamen und noch kommen. Hier könnte allerdings auch das Budget die Ursache gewesen sein.

Jetzt lasse ich nach in Summe 29.915 Schritten auf der IAA mal die Eindrücke und Diskussionen mit den Kolleginnen und Kollegen sacken. Einige gratulierten mir schon fatalistisch, dass wir gemeinsam die letzte IAA besucht hätten. In das Szenario passt der Rücktritt des VDA-Präsidenten. Wenn sie zukunftsfähig sein soll, muss sie sich ändern. Aber eine für unsere Branche schlechte Nachricht bleibt, die Riesenflächen und Megabudgets mit all ihrem Live-Kommunikations-Lametta sind schon seit 2017 passé.  

Autor: Stephan Schäfer-Mehdi


Copyright eventcompanies.de 2019
Copyright eventcompanies.de 2019